Das Patriarchat ist kulturell verwurzelter männlicher Narzissmus
Ich vertrete seit Jahren eine These, die radikal klingt, aber im Grunde nur eine nüchterne Beobachtung ausspricht: Das Patriarchat ist die kulturelle und institutionelle Form dessen, was wir individuell als männlichen Narzissmus kennen. Üblicherweise wird die Geschichte umgekehrt erzählt – das Patriarchat bringe die Narzissten hervor. Tatsächlich verhält es sich aber meiner Meinung nach andersherum. Menschen formen Kultur, und wer lange genug Macht hat, drückt seine eigenen Überzeugungen und Haltung zum Leben in die Institutionen, die er schafft, in die Sprache, die er prägt, und in die Beziehungsformen, die er zur Norm erklärt. Was am Ende dieses Prozesses steht, ist keine Verschwörung weniger, sondern die Normalität vieler.
Coercive Control arbeitet auf der gesellschaftlichen Ebene mit denselben Werkzeugen wie in der Paarbeziehung. Nur sind sie dort schwerer als Werkzeuge zu erkennen, weil sie nicht im Schlafzimmer, sondern im Gesetzbuch, im Familiengericht oder im Lehrplan stehen. An dieser Stelle heißen sie nicht Gewalt, sondern Tradition, Kulturgut oder autoritäre Erziehung.
Narzistisches Verhalten lässt sich konkret an bestimmten Merkmalen beschreiben, die ineinandergreifen: Grandiosität, Anspruchsdenken, Empathiedefizit, Bewunderungsbedürfnis, Ausbeutung, Neid und Konkurrenzdenken, Arroganz und Verachtung, die fehlende Übernahme von Verantwortung durch mangelnde Selbstreflexionsgabe, narzisstische Kränkung mit anschließender Bestrafung sowie Realitätsverzerrung und Manipulation. In Beziehungen mit narzisstischen Tätern ist jedes einzelne dieser Merkmale inzwischen so gut dokumentiert, dass es zur Standardliteratur gehört. Was deutlich seltener bemerkt wird: Jedes hat ein institutionelles und kulturelles Pendant, das uns so vertraut ist, dass wir es nicht mehr als pathologisch erkennen.
Eine Ordnung, die sich für Vernunft hält
Grandiosität in der Paarbeziehung macht sich bemerkbar durch seine selbstgerechte Art – für ihn gelten selbstverständlich andere Regeln als für seine Partnerin. Auf gesellschaftlicher Ebene findet sich dieselbe Asymmetrie wieder, ohne dass sie irgendjemandem privat zugerechnet werden müsste. Über Jahrhunderte galt der männliche Standpunkt als der vernünftige und der weibliche als der emotionale, und das generische Maskulinum ist keine zufällige sprachliche Marotte, sondern der grammatische Niederschlag dieser Hierarchie: Der Mann ist der Mensch, die Frau sein erläuterungsbedürftiger Sonderfall.
Eng damit verbunden ist die Arroganz und Verachtung gegenüber dem, was als untergeordnet markiert wurde. In der Beziehung zeigt sich das als herablassende Sprache und als das nachsichtige Lächeln über die „Hysterie“ der Partnerin. In den Institutionen wird es subtiler, aber nicht weniger zuverlässig sichtbar – etwa in der Medizin, wo Studien über Jahrzehnte fast ausschließlich an männlichen Probanden durchgeführt wurden, weibliche Symptommuster bei Herzinfarkten oder Autoimmunerkrankungen seltener erkannt werden und Patientinnen mit Schmerzen statistisch häufiger als psychosomatisch eingestuft werden, mit messbaren Folgen für Diagnose und Sterblichkeit. Niemand hat das zentral entworfen; es ist das Sediment einer Selbstverständlichkeit, in der der männliche Körper als der menschliche gilt und der weibliche als komplizierter Sonderfall, mit dem die Forschung sich später irgendwann beschäftigen kann.
Anspruch ohne Verhandlung, Ausbeutung mit legalem Anstrich
Anspruchsdenken in seiner narzisstischen Variante heißt: Der Täter erbittet nichts, er erwartet, weil er der Auffassung ist, es stehe ihm zu. Wie reagiert wird, wenn dieser Anspruch ins Leere läuft, zeigt sich privat daran, was passiert, wenn eine Frau sich entzieht, Grenzen setzt oder geht: Der narzisstische Mann erlebt das nicht als ihre Entscheidung, sondern als Kränkung. Auf gesellschaftlicher Ebene begegnet uns dieselbe Reaktion in der vielbeschriebenen „male loneliness epidemic“. Die Wut, mit der Teile dieser Debatte geführt werden, richtet sich auffällig selten gegen die eigenen Beziehungsfähigkeiten oder gegen die Bedingungen, unter denen Nähe entsteht, sondern gegen Frauen, die sich entziehen, andere Lebensformen wählen oder den Preis heterosexueller Partnerschaft nicht mehr zu zahlen bereit sind. Einsamkeit erscheint hier nicht als kontingentes Lebensrisiko, sondern als erlittene Ungerechtigkeit – als wäre Nähe etwas, das einem zusteht, und nicht etwas, das im Gegenüber freiwillig entsteht.
Genau darin zeigt sich die narzisstische Logik des Anspruchs in besonders reiner Form: Wenn Frauen auf Augenhöhe wählen können, wird ihre Wahl nicht als Ausdruck von Autonomie anerkannt, sondern als Kränkung erlebt. Die Aggressivität, mit der diese Kränkung beantwortet wird, verweist weniger auf verletzte Bedürftigkeit als auf eine Haltung, in der Frauen nicht als eigenständige Subjekte erscheinen, sondern als Objekte, deren Verfügbarkeit implizit vorausgesetzt war.
Gesellschaftlich ist daraus eine Erwartungsstruktur geworden, in der unbezahlte Sorgearbeit gar nicht mehr verhandelt, sondern als selbstverständliche Funktion weiblicher Existenz vorausgesetzt wird. Eine Frau, die diese Funktion verweigert oder auch nur eine Pause einfordert, gilt nicht als überlastet, sondern als egoistisch. Der Gender Care Gap, der in Deutschland seit Jahren zwischen 44 und 52 Prozent liegt, ist die statistische Übersetzung dieser Erwartung.
Aus diesem Anspruch ergibt sich die Ausbeutung gewissermaßen logisch. Wenn weibliche Arbeit als natürlicher Ausfluss weiblicher Fürsorglichkeit verstanden wird und nicht als Qualifikation, lässt sie sich auch nicht angemessen vergüten – man bezahlt schließlich nicht das, wofür eine Frau gut ist. Der Gender Pay Gap ebenso wie der Wealth Gap und der Pension Gap sind nicht voneinander unabhängige Phänomene, sondern verschiedene Aggregationen derselben Grundannahme.
Strukturelle Ablehnung, wo Empathie angebracht wäre
Das Empathiedefizit narzisstischer Täter wird in Beziehungen oft erst dann sichtbar, wenn die Partnerin in akuter Not ist. Statt mit Mitgefühl reagiert der Täter abwehrend oder ungeduldig und genervt. Auf institutioneller Ebene zeigt sich dasselbe Muster z.B. als Medical Gaslighting. Frauen mit Schmerzen werden statistisch häufiger als psychosomatisch eingestuft, erhalten weniger Schmerzmedikation und warten deutlich länger auf korrekte Diagnosen als Männer. Was der Täter privat mit „stell dich nicht so an“ abfertigt, erledigt die Medizin mit der Diagnose „psychosomatisch“ – die Botschaft ist dieselbe: Dein Schmerz ist nicht real genug, um daran etwas zu ändern – hör auf dich anzustellen.
Im Strafrecht zeigt sich dasselbe Muster mit anderer Kulisse. Bei sexualisierter Gewalt richtet sich der ermittelnde Blick traditionell stärker auf das Verhalten der Betroffenen als auf das des Täters, weshalb nach Kleidung, Alkoholkonsum und Vorgeschichte gefragt wird, während der Täter umgekehrt mit der Sorge um seine berufliche Zukunft und Reputation ausgestattet wird, als wäre er das eigentlich gefährdete Subjekt der Geschichte. Der berühmte Satz aus dem Fall Brock Turner, dass „ein paar Minuten Aktion“ nicht ein ganzes Leben ruinieren sollten, war keine Entgleisung eines einzelnen Richters, sondern die offen ausgesprochene Logik einer Praxis, in der weibliches Trauma selbstverständlich weniger zählt als männliche Lebensplanung.
Auf einer anderen Ebene wird die strukturelle Dimension dieser Dynamik noch deutlicher. Im Fall von Gisèle Pelicot, die von ihrem Ehemann über Jahre hinweg betäubt und fremden Männern zur Vergewaltigung angeboten wurde, bestand das Erschütternde nicht nur in der Tat selbst, sondern in der Reaktion – oder vielmehr im Ausbleiben jeder Reaktion. Kein einziger der Männer, die dieses Angebot wahrnahmen oder davon wussten, meldete den Täter. Die Aufdeckung erfolgte nicht durch moralische Intervention, sondern zufällig, im Zuge einer polizeilichen Ermittlung wegen eines anderen Delikts und der anschließenden Durchsicht seiner Datenträger.
Ähnliche Muster zeigen sich in digitalen Räumen, in denen sich tausende Männer darüber austauschen, wie Frauen – darunter Partnerinnen, Töchter oder andere Angehörige – betäubt und missbraucht werden können. Hier entsteht Wissen kollektiv, wird geteilt, erweitert und normalisiert, mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass niemand, der das Tun in der Gruppe mitbekommt, auch nur eine Sekunde auf den Gedanken kommt, die Opfer zu retten.
Verantwortung, die nirgendwo ankommt
Die fehlende Übernahme von Verantwortung ist das Merkmal, an dem sich Beziehungen mit narzisstischen Tätern oft am stärksten zermürben, und sie ist deshalb so unerschütterlich, weil ihr eine zweite, kognitive Lücke zugrunde liegt: die mangelnde Selbstreflexionsgabe. Die Partnerin kann noch so präzise spiegeln, was passiert ist – Worte, Taten, Folgen, alles dokumentiert, alles benennbar –, ohne dass irgendetwas davon im Selbstbild des Täters auch nur als Möglichkeit auftaucht. Was sie sagt, prallt nicht ab, weil er es widerlegt, sondern weil das Selbstbild keine Information aufnimmt, die ihm widersprechen würde. Selbstkritik ist in dieser Struktur nicht abgewehrt, sie ist gar nicht erst vorgesehen, und genau deshalb landet die Schuld grundsätzlich woanders: bei der Vergangenheit, beim Stress, bei den Umständen, am häufigsten beim Opfer.
Auf institutioneller Ebene zeigt sich dieselbe doppelte Eigenart in Apparaten, die ihre eigenen Fehlentscheidungen nicht systematisch überprüfen, sondern darauf vertrauen, dass die schon korrekt gewesen seien, weil das schon „immer so“ gemacht wurde. Familiengerichte, die nach jahrzehntelanger empirischer Kritik weiterhin am pseudowissenschaftlichen Konzept der „Bindungsintoleranz“ festhalten, sind kein Beleg für mangelnde Information – die Studien liegen vor, die Kritik ist publiziert –, sondern ein Beleg für die strukturelle Unfähigkeit, sich von außen sehen zu wollen und dann Verantwortung für Fehlverhalten übernehmen zu müssen. Dasselbe gilt für Polizeibehörden, Jugendämter, ganze juristische Berufsstände und die Politik, in denen die Vorstellung, das eigene Tun könnte Teil des Problems sein, schlicht nicht zur Berufskultur gehört.
Dass diese Verschiebung von Verantwortung nicht nur interpretativ, sondern ganz konkret strafrechtliche Folgen hat, zeigt sich auch daran, wie unterschiedlich Gewalt bewertet wird. Männer, die über Jahre hinweg Gewalt gegen ihre Partnerinnen ausüben, kommen nicht selten mit vergleichsweise milden Strafen davon oder entgehen ihnen ganz, während Frauen, die sich in extremen Situationen wehren, deutlich häufiger härter bestraft werden. Die strukturelle Blindheit gegenüber fortgesetzter systematischer männlicher Gewalt trifft hier auf ein Rechtssystem, das den Moment der Gegenwehr isoliert betrachtet und die Vorgeschichte systematisch ausblendet – mit der Folge, dass weibliche Schutzhandlungen kriminalisiert werden, während männliche Gewaltverläufe als Kontext verblassen.
Der Satz „Boys will be boys“ ist die kulturelle Vorform dieser späteren Straflosigkeit – eine Lizenz, die Jungen früh ausgestellt wird und an die Erwachsene später anknüpfen, wenn sie ihre Taten in Trunkenheit, schwierige Kindheiten oder, im Notfall, in Liebesbekundungen umdeuten lassen. Dass die Liste der Ausreden mit dem Alter eher wächst als schrumpft, gehört zur Sache.
Der individuelle Täter und die Kultur, die ihn trägt
Die strukturelle Pointe ist einfach: Ein einzelner Täter kann dauerhaft Coercive Control nur deshalb ausüben, weil ihn die Institutionen, mit denen seine Partnerin in Berührung kommt, in den entscheidenden Momenten stützen. Diese Kultur funktioniert nach denselben psychischen Mustern wie der einzelne Täter, weil sie von Menschen gestaltet wurde, die diese Muster mitbrachten und sich in den von ihnen geschaffenen Strukturen wiederfinden wollten. Es handelt sich nicht um eine Analogie, sondern um dieselbe Logik auf verschiedenen Maßstäben.
Weiterführend
Sie haben Fragen?
Im Krisencoaching geht es um Orientierung und Klarheit – in Ihrem Tempo.

